Inhalt
Steckbrief
- Region
- Werratal
- Kommune
- Gerstungen
- Ortsteil
- Baueshof
- Bezeichnung
- Dreiseithof
- Adresse
- Baueshof 3
Respektvoll weiternutzen
Dreiseithof in Marktsuhl
Der Baueshof macht Eindruck. Wer von außen über das halbhohe Hoftor schaut, spürt schnell, Einblick und Zugang sind für die Betreibenden des Hofes gewollt. Philipp Brand ist vom Fach. Als Zimmerer und Architekt ist er eine glückliche Fügung für den alten Dreiseithof in Alleinlage aus dem 18. Jahrhundert. Frau Beate Brand ist studierte Landwirtin und betreibt auf diesem Hof das, was da hingehört, eine kleinbäuerliche Landwirtschaft. Eine Käserei hat die Gebäudeanlage längst in der Region bekannt gemacht. Direkt an der Landstraße gelegen, ist der Hof bestens erschlossen. Inzwischen kann man ein gebautes Rundumensemble vorfinden, das von den Eigentümern über viele Jahre als lebendige Baustelle durchgestanden worden ist. Der Dreiseithof wurde nicht nur instandgesetzt, sondern mit Recherchen, Sachkenntnis und Reflektion sensibel und respektvoll ausgebaut. Der Spannungsbogen reicht dabei von der denkmalgerechten Sanierung des Altbestandes bis zur angepassten Ergänzung von Gebäudeteilen, wie der neuen Remise als multifunktionaler Hofladen.
Der Dreiseithof wurde nach dem Erwerb durch die Familie Brand ab 2011 schrittweise instandgesetzt. Das Gehöft befindet sich nordwestlich der Ortslage von Marksuhl an der L 1023. Als Einzelkulturdenkmal dokumentiert der Hof eine ländliche Bauweise, die sich seinerzeit unmittelbar mit der Wirtschafts- und Lebensweise seiner Entstehungszeit verbindet.
Die kompakte Hofanlage besteht aus einem typischen Thüringer Wohnstallhaus von 1809 sowie verschiedenen Wirtschaftsgebäuden, die Schritt für Schritt zwischen dem 19. und 20. Jahrhundert errichtet werden konnten. Eine kleine, ursprünglich solitärstehende Scheune, die längst in die geschlossene Hoffigur aufgenommen wurde, konnte dendrochronologisch auf 1748 datiert werden und ist bis dato als älteste überkommene Bausubstanz zu bewerten. Die bauliche Verdichtung der aneinandergereihten Einzelgebäude zu der heutigen Dreiseitanlage sowie die mehrfache Überformung nach Brandeinwirkung lassen sich relativ systematisch an der bestehenden Baustruktur erkennen und ablesen. Die älteren Gebäude sind in Eichenfachwerk auf Sandsteinsockel errichtet. Die jüngeren Gebäudeanschlüsse entstanden in rotem Ziegelstein und zeigen ein klares Abbild der historischen Reihenfolge ihrer Entstehung.
Gekauft haben die Brands den Hof, weil sie feststellten, dass die Substanz etwa seit der 1950 wenig überformt wurde und hohes historisches Potential ohne Bausünden der letzten Jahrzehnte aufwies. Der historische Charme ließ sich noch erkennen. Einen Vorteil erkannte Brand zudem bei dem Wohnhaus in Fachwerkkonstruktion. „Wenn man ein halbwegs abenteuerliches Leben führen will, sollte man gleich einziehen. Wenn sonst die gesetzlichen Hürden zu Beginn gleich als zu groß angesehen werden, kann schnell der Starterimpuls verloren gehen. Und man sollte groß denken und in kleinen Schritten vorankommen. So lassen sich Fehler vermeiden.“
In der folgerichtigen Reihenfolge entschied man sich, vom historischen Wohnstallhaus im Westflügel 2011 auszugehen und dann mit den baulichen Maßnahmen von West- über den Mittel- bis zum Ostflügel vorzugehen. Das zweistöckige, giebelständige Wohnhaus hat ein mit naturroten Doppelmuldenfalzziegeln gedecktes Satteldach über einem konstruktiven Fachwerk, das auf einem Kellergewölbe steht. Der Sandsteinquadersockel verleiht dem Gebäude Charme. Hofseitig ist das Wohnhaus quer erschlossen und bietet so einen empfänglichen Charakter. Das Sichtfachwerk aus Eiche wurde freigelegt. Die nach historischem Vorbild eingebauten Holzfenster und die Türen erhielten eine stimmige Farbgebung. Offene Balkenköpfe und gefaste Füllhölzer im Rähm-Schwellenbereich geben dem Haus etwas Ländlich-Grobes. Die K-Verstrebungen an den Eckständern wiederum wecken die Ausstrahlung von Leichtigkeit.
Im Norden schließt das langgezogene Wirtschaftsgebäude an. Lange waren das Wohnhaus und das Wirtschaftshaus nicht verbunden. Heute gibt es einen verknüpfenden Zwischenbau, der als Aufenthalt bei Wind und Wetter dient. Von hier aus werden auch zwei kleinere Wohnungen im Obergeschoss erschlossen, die für helfende Menschen auf dem Hof vorgesehen sind. Das Wirtschaftsgebäude ist in funktionalem Nadelholzfachwerk errichtet. Die große Toreinfahrt gibt den Blick ins Innere frei, wo sich unten die Tierstallungen und oben der Futterboden befinden.
Der als Ziegelbau realisierte Ostflügel war dem Einsturz nahe und wurde eher neu aufgebaut. Er erhielt u.a. eine Holzweichfaserdämmung mit Lehmputz sowie eine außenliegende Holztreppe. Die alten Tonziegel ließen sich weitestgehend wiederverwenden. Nach der Fertigstellung der baulichen Gegebenheiten konnte man sich 2020 dann der Freianlagen widmen, indem der Zaun erneuert wurde und eine Pflanzenkläranlage entstand. Es scheint, als sei der Innenhof nie befestigt gewesen. Nachgewiesen werden konnte nur eine zentrale Miste mit einem gepflasterten Mistweg zum Stall. Die neue Innenhofgestaltung begegnet der Situation inzwischen mit einer denkmalgerechten Pflasterung in Naturstein und einem Sitzplateau. Philipp Brand weiß: „Im Ländlichen zählt die Qualität des Draußenseins.“ Das Deck in der Mitte des Hofes dient heute nicht nur der Familie, sondern es ist über LEADER-Fördermittel zur Unterstützung von ländlicher Teilhabe ein Lernort für besuchende Schulklassen. Hier können die jungen Menschen sich niederlassen, um alles zu erfahren, was den Hof ausmacht. 2021 folgte dann der Bau der Remise als Unterstand für den Verkaufswagen und die Funktion als Hofladen.
Das Fachwerk und die Schwellen des Wohnhauses sind aus Eiche. Während am Haus gebaut wurde, drohte das Tonnengewölbe im Keller einzustürzen. Die ständige Vibration, ausgelöst durch den schweren Verkehr auf der Straße brachte das Haus in Richtung Straße in Bewegung. Hier musste ein Korrektiv her. Man entschied sich für eine Klammerlösung, die das Haus heute im Hang festhält.
Mit der Rekonstruktion, Sanierung, der Ergänzung und Neufunktionierung des alten Dreiseithofes für einen kleinteiligen, familiären Landwirtschaftshof haben Philipp und Beate Brand einen wertvollen Beitrag zur Erhaltung einer freistehenden Hofanlage in Thüringen geleistet. Die Hofanlage mit dem mittigen Plateau ist längst ein anregendes Beispiel für eine erfreuliche Wiederbelebung im ländlichen Raum. Es ist ein kleinteiliger Ort der Kommunikation und Begegnung sowie ein Baustein bemerkenswerten Engagements für die Wartburgregion.
„Ein echtes Alleinstellungsmerkmal bei unserem Objekt ist, dass das Denkmal immer noch als kleinbäuerliche Landwirtschaft funktioniert und genutzt wird. Daher ist nicht immer alles so fein und sauber, wie es vielleicht das Foto wünscht, aber es ist lebendig.“ Philipp Brand am 27.Januar 2025.
Gut gelungen:
- das westlich bestehende Wohnhaus wurde durch Freilegung des Sichtfachwerks und mit stimmiger Farbgebung für Tür und Fenster ein subtiler Akzent
- Dacheindeckung mit naturroten Doppelmuldenfalzziegeln
- Wiederherstellung der sparsamen Schmuckelemente des Sichtfachwerks
- Wiedereinbau von Holzfenstern nach historischem Vorbild
- Denkmalgerechte Hofpflasterung in Naturstein und Errichtung eines modernen, mittigen Plateaus
- die frontale Stallanlage durch Nutzbarmachung nach historischem Vorbild aufgewertet
- rechtsseitig Ausbau des historischen Ziegelbauwerks und Erschließung über eine außenwandige Holztreppe
- am Eingang zum Gehöft Errichtung einer Remise als Käseverkauf im Gefüge der gesamten Hofanlage