Leitlinien

Kontext und Ort

Topografie, Ausrichtung und Lage zum Ortskern oder Anger 

Beispielhafte Darstellungen unterschiedlicher Siedlungsformen. 1: Haufendorf, 2: Waldhufendorf, 3. Straßendorf
Beispielhafte Darstellungen unterschiedlicher Siedlungsformen. 1: Haufendorf, 2: Waldhufendorf, 3. Straßendorf

Die Entstehung und Gestaltung von Ortschaften in der Wartburgregion waren eng mit den natürlichen Gegebenheiten der Landschaft verbunden. Faktoren wie eine günstige Topografie, die Verkehrsanbindung, das Vorhandensein von Rohstoffen und die Möglichkeiten für handwerkliche Tätigkeiten spielten dabei eine entscheidende Rolle. Doch auch andere Aspekte führten zur Bildung von Dörfern, in denen sich die Anlage der Parzellen und die Konstruktionen der Gebäude an die topografischen Verhältnisse anpassten. So entstanden beispielsweise enge Straßendörfer in Tälern, wie beispielsweise Ebenshausen (Stadt Amt Creuzburg) oder breit angelegte Dörfer in flachen Gebieten, wo die Fläche noch nicht begrenzt war. Dorfplätze und Anger mit raumprägenden Großgehölzen wie Linden oder Eichen markieren das Dorfzentrum. Zu früheren Zeiten war der Anger Teil der Allmende, und vor allem größere Angerflächen, die auch einen Teich oder Bach aufwiesen, wurden als Weidefläche genutzt. Dazu dienten sie auch als Treffpunkt und Ort der Kommunikation und des Austauschs. An einem steinernen Tisch, wie auf dem Dorfanger in Scherbda (Stadt Amt Creuzburg) regelten VertreterInnen der Gemeinschaft die Belange des Dorfes. Im Laufe der Zeit hat sich die Nutzung gewandelt.

Davon ausgehend haben sich über die Jahrhunderte unterschiedliche Siedlungsformen entwickelt. Einzelhöfe, die oft weit von den Straßenzügen entfernt und in Waldnähe mit kleiner Flurgröße angesiedelt waren, wie Frommeshof in der Gemeinde Gerstungen, sind heute nur noch selten zu finden. Viele dieser Höfe wurden im Laufe der Zeit zu Dörfern. Im Gutsdorf stehen ein oder mehrere Gutshöfe im Mittelpunkt des wirtschaftlichen Lebens. Die DorfbewohnerInnen arbeiten überwiegend auf diesen Höfen und betreiben keine eigene Landwirtschaft, was sich auch in der geringen Größe ihrer Anwesen widerspiegelt.

Generell lässt sich in der Systematik ländlicher Siedlungen in die "Haufenform" und die "Regehaft-flächige Form" unterscheiden. In Westthüringen ist das Haufendorf eine typische Siedlungsform. Hier sind die Höfe regellos angeordnet und stehen dicht beieinander, sind aber dennoch parzellenscharf voneinander getrennt. Die Straßen verlaufen zwischen den Höfen und münden auf den zentralen Dorfplatz. In der Nähe des Dorfplatzes steht in der Regel, oft erhöht, die Kirche. Um ihn herum gruppieren sich die wichtigsten Gebäude des Dorfes, wie Schulen, Brau- und Backhäuser sowie die Schenke.

Im Angerdorf umschließen die Höfe und Wohnhäuser einen zentralen Platz, der sich aus der Verbreiterung der Straße zu einer großen Grünfläche mit Gehölzbestand bildet. Dort befindet sich häufig auch die Kirche. Diese Dörfer sind meist planmäßig angelegt, mit dicht aneinandergereihten Höfen.

Das Reihen- oder Hufendorf, wie Sünna in der Gemeinde Unterbreizbach, geht aus den großen Rodungen des 10. bis 12. Jahrhunderts hervor. Der Aufbau des Dorfes bildet sich meist aus einem Haufendorf und verläuft einer Talfurche folgend von einem Waldgebiet zum nächsten.

Das Straßen- oder Zeilendorf, wie zum Beispiel Hallungen, ist eine seltenere Siedlungsform in Westthüringen, bei der sich das Dorf beidseitig einer vorhandenen Straße entwickelt hat.

Eine besonders alte Form stellt das Waldhufendorf dar. Hier wurden die Höfe entlang von Wegen errichtet, und jedem Hof war ein Stück Land (Hufe) zugeteilt, dessen Bewirtschaftung für die eigene Versorgung ausreichte.

Stadtbau- und Dorfbaukultur 

Durch die Breite, Höhe, Tiefe und Stellung der Gebäude zueinander sowie zum Straßenraum, die Dachformen und die Fassadengestaltung wird zum Charakter des Ortes beigetragen.

Das Erscheinungsbild der Ortschaften innerhalb der Wartburgregion ist von den Gebäuden und baulichen Ensembles geprägt. Durch die Breite, Höhe, Tiefe und Stellung der Gebäude zueinander sowie zum Straßenraum, die Dachformen und die Fassadengestaltung wird zum Charakter des Ortes beigetragen. Aber eine Ortschaft besteht nicht nur aus den Gebäuden, sondern ebenso aus den Wegen, Straßen, Plätzen und Freiflächen, die den Raum definieren. Die umliegenden Äcker, Wiesen und Weiden gehören auch dazu.

Im Freiraum sind besonders raumbildende Elemente wie Gehölze, Hänge, Böschungen, Stützmauern sowie Treppen und Fußwegeverbindungen von Bedeutung und tragen mit Teichen und Bächen zur charakteristischen Siedlungsgestaltung Westthüringens bei.

Der Ortskern ist durch mittelbäuerliche Höfe mit historischen Gebäuden geprägt, deren Bebauungsstrukturen häufig durch Zeilen von schmalen, L-förmig bebauten Parzellen mit giebelständigen Wohnhäusern und dazwischenliegenden Torfahrten bestimmt sind. Im Ortszentrum sind zentrale Gebäude wie die Kirche, das Schulhaus und das Pfarrhaus zu finden.

Außerhalb der alten Ortslagen entstanden im 19. und 20. Jahrhundert kleinbäuerliche Gehöfte. Dies sind häufig kleinere, weniger aufwendig gestaltete Höfe mit eingeschossigen Wohnhäusern und Nebengebäuden.

Bauernhöfe im traditionellen Sinne bestehen aus Wohnhäusern, Stall- und Speichergebäuden sowie Scheunen. Dazu gehören Hofflächen, Einfriedungen mit Pforten und Toren sowie Gärten.

Mit der zunehmenden Ertragssteigerung in der Landwirtschaft im 19. Jahrhundert wuchs der Bedarf an größeren Lagerflächen. Dies führte zur Errichtung von Scheunenreihen an den Ortsrändern und an den Ausfallstraßen der Dörfer, vor allem, wenn die Hofflächen zu klein wurden.

Parzelle, Gebäudestellung und Zuwegungen

Beispielhafte Darstellungen unterschiedlicher Bebauungsformen der Höfe in der Wartburgregion. 1: Vierseithof, 2: Dreiseithof, 3: Zweiseithof
Beispielhafte Darstellungen unterschiedlicher Bebauungsformen der Höfe in der Wartburgregion. 1: Vierseithof, 2: Dreiseithof, 3: Zweiseithof

Die Anlage und Gestaltung der Gehöfte Westthüringens wird genauso wie die Struktur des Dorfes durch die Topografie des Geländes sowie durch klimatische Überlegungen geprägt. Zudem gibt es zwei unterschiedliche Formen des Erbrechts, die die Entwicklung der Höfe und deren Parzellengrößen beeinflussten:

Parzellen mit größeren Hofflächen lassen sich auf das Anerberecht zurückführen. Der Grundbesitz wird an einen Nachkommen, in der Regel den ältesten Sohn, weitergegeben und bleibt in seiner Dimension über Generationen erhalten.

Häufiger kam jedoch die Realteilung vor, bei der das Grundstück unter allen Erbenden aufgeteilt wird. Konsequenz ist die fortschreitende Zerstückelung der Flächen, es entstanden vermehrt schmale, langgestreckte Grundstücke, deren begrenzter Platz entlang von Dorfstraßen nur eine eingeschränkte Bebauung mit Giebeln, die zur Straßenseite hin ausgerichtet sind, zulässt.

Vorherrschend zur Bebauung der Parzellen sind Zwei- und Dreiseithöfe. Diese Baustruktur zeigt sich beispielsweise am Dreiseithof in Marktsuhl. Hier gruppieren sich die Wohn- und Wirtschaftsgebäude eng aneinander entlang der Parzellengrenze, um den Hof abzuschließen. Der Hofraum öffnet sich zur Straße hin und die Haustüren sind häufig zur Straße hin ausgerichtet. Eine Vortreppe, die das Wohnhaus vom Gehweg oder der Straße trennt, markiert den Eingang zum Wohnhaus. Das Stallgebäude befindet sich in der Regel auf der Rückseite des Wohnhauses, während die Scheune im Winkel zum Wohnhaus angeordnet ist und den Hofraum zum dahinterliegenden Garten begrenzt. Bei den Dreiseithöfen steht das meist giebelständige Stallgebäude gegenüber dem Wohnhaus. Bereits optisch lässt sich das Wohnhaus in der Regel ausmachen, da es durch seine aufwendige Fachwerkkonstruktion besticht.

Eine Ausnahme stellen die Streckhöfe dar, bei denen Wohn-, Stall- und Scheunenteil unter einem Dach vereint sind.

Bei größeren Parzellen ist es auch möglich, den Hof als Vierseithof auszubauen. Diese Form war ursprünglich nur bei großbäuerlichen Gehöften anzutreffen, fand jedoch ab dem 19. Jahrhundert zunehmend auch bei kleineren Parzellen Anwendung. In solchen Fällen wird die Hofeinfahrt überbaut und in das Wohn- oder Wirtschaftsgebäude integriert.

Impulse für die Zukunft.

  • Es lohnt sich, Parzellen, Gehöfte sowie Neu- und Weiterentwicklungen auch zukünftig an der vorhandenen Topografie, der umliegenden Struktur und der gewachsenen Siedlungsform zu orientieren.
  • Um das Ortsbild zu erhalten, ist es hilfreich, Sanierungen und Weiterentwicklungen behutsam in die gewachsene Ortsstruktur einzufügen. Historische Elemente, Sichtachsen und die Ausrichtung der Höfe sollten dabei bewahrt und in neue Planungen einbezogen werden.
  • Zur Wahrung der Authentizität der Gemeinden, ist es wichtig, die lokale Baukultur und traditionellen Bauweisen zu erhalten, zu stärken und bei neuen Vorhaben gezielt einzusetzen.  
  • Die Nutzungsansprüche an Höfe haben sich im Laufe der Zeit verändert – häufig werden Nebengebäude wie Ställe oder Scheunen nicht mehr benötigt, aber auch die Anforderungen an Wohnhäuser sind heute andere. Durch den Um- und Ausbau von Bestandsgebäuden können neue Nutzungen entstehen und gleichzeitig das Ortsbild erhalten bleiben.
  • Grünflächen, Anger und Freiräume sollten geschützt und in die Ortsgestaltung integriert werden. Sie prägen das Landschaftsbild, fördern die Lebensqualität sowie das gemeinschaftliche Miteinander und leisten einen wichtigen Beitrag zur ökologischen Vielfalt.